Kategorie-Archiv: Reisetagebuch

Abreise

 

Letzter Tag auf Island: Die Fähre legt um 20 Uhr ab, wir können also ausschlafen und packen erst nach dem Mittag unsere Bordtasche. Ich nutze die Zeit und schaue mir unseren Oldtimer nochmal von unten an, kontrolliere den Ölstand und schmiere die Antriebswellen ab, auf dem Festland erwarten uns 1.000km Heimweg. Márika verstaut derweil im LKW alles „hochsee-“ sicher. So stürmisch, wie die letzten Tage waren, rechnen wir mit Seegang. Der Seegang ist auch der Hauptgrund, warum wir gar nicht scharf auf die wiederholte Wikingerkreuzfahrt sind. Wir fahren erst kurz vor Ende des Check-In in Richtung Hafen und werden quasi bis aufs Mitteldeck durchgewunken. Obwohl das komplette Unterdeck leer ist, darf ich wieder dicht an dicht neben den anderen Islandreisenden parken. Aussteigen geht nur auf der Beifahrerseite und für Zurrketten ist kein Platz gelassen. Die Mannschaft rechnet also nicht mit Seegang – auch gut! (Getreu der alten Spediteurweisheit: „Das ist so schwer, das rutscht nicht“) Die Fähre legt pünktlich ab und wir schauen ein letztes Mal zurück nach Seyðisfjörður, auf die Mole, an der wir gestern noch drei leckere Makrelen für unser Abendessen gefangen hatten. Unsere Wahl an diesem Abend – Pizza Peperoni – ist die falsche. Kaum sind wir auf dem Atlantik, geht die Schaukelei los und die fettige Pizza trägt ihren Teil zur Übelkeit bei.

Wir sind froh, am nächsten Morgen auf den Färöer-Inseln für ein paar Stunden an Land gehen zu können, denn den Folgetag verbringen wir komplett auf See. Die Norröna wird inzwischen nun doch noch mit Sattelaufliegern voll beladen, bekommt so deutlich mehr Tiefgang und liegt ruhiger im Wasser.  Wir können jetzt zumindest lesen, ohne dass uns dabei schlecht wird.

Nach drei Nächten kommen wir wieder in Hirtshals an. Alles rennt zum Autodeck und runter von der Fähre. Wir sind noch viel zu benommen von den Reisetabletten und haben zudem schlecht geschlafen. Selbst, wenn wir ebenfalls losstürmen und heute noch durch Dänemark „heizen“ würden, morgen ist Sonntag und für unsere Emma in Deutschland Fahrverbot – also kein Grund zur Hektik. Márika möchte den LKW von der Fähre fahren, ich lasse ihr den Spaß und die erstaunten Blicke der Mitreisenden. Wir winken noch ein paar Bekannten, die an uns vorbeifahren, und biegen dann direkt vom Hafen zum Ozeaneum ab – einem riesigen Meeresaquarium. Den Sonntag verbringen wir in Dänemark und schauen uns den Tropischen Zoo in Randers an. Die drei Regenwaldhallen mit Flora und Fauna aus Asien, Afrika und Südamerika sind genau unser Geschmack. Dank tropischer Temperaturen lassen sie uns vollkommen aufgewärmt in Urlaubserinnerungen schwelgen. Deutschland sieht uns erst am Montag zum Berufsverkehr wieder. Für unsere Heimroute wählen wir neben vielen Kilometern Autobahn auch ein schönes kurviges Stück Landstraße durch den herbstlichen Harz.  In Sondershausen besuchen wir meine Oma, bevor wir uns im Anschluss auf die letzte Etappe in Richtung Heimat begeben.

Der Osten

 

Die letzten drei Wochen unserer Reise lassen wir ganz gemütlich ausklingen. Nachdem die langen Strände der Südküste bei Höfn ein Ende nehmen, beginnt ein weiterer landschaftlich schöner Abschnitt. Es wird wieder bergig, gleich die ersten Fjorde werden von 800 bis 1.000 m hohen Bergen eingerahmt. In den großen Nehrungen der Bucht Lonsvik sammeln sich schon hunderte von Singschwänen für den Abflug in ihr Winterquartier. Nachdem wir in einem Seitental einen der seltenen Gerfalken entdecken, versuchen wir, ihm zu Fuß noch etwas näher zu kommen. Dabei knicke ich mir den Knöchel um und wir müssen die Verfolgung abbrechen. Da am folgenden Morgen die Schmerzen nicht nachlassen und jetzt von einer Schwellung begleitet werden, entscheiden wir uns doch dafür, vorsichtshalber einen Arzt aufzusuchen. Dazu müssen wir in den nächsten Ort Djupivogur fahren, wo mir ein grummeliger Doktor für umgerechnet 7,80€ sagt, dass es wohl nicht gebrochen sei, mir einen feinen Verband verpasst und zu guter Letzt noch eine Schmerzmitteldosis aufschreibt, die mich sicher in einen Dornröschenschlaf versetzt hätte. Für die kommenden zwei Wochen werden Wanderungen und Spaziergänge aus dem Programm gestrichen.

Das hält uns allerdings nicht davon ab, noch einen kurzen Abstecher ins „asphaltierte Hochland“ zu unternehmen. Wir besichtigen Islands größten Staudamm, den Halslon oder auch Karahnjukar, zu dem eine super ausgebaute Straße führt. Er wird direkt aus einem Abfluss des Vatnajökull gespeist, was wegen der Gefahr von Gletscherläufen ein besonders aufwendiges Schutzsystem notwendig gemacht hat. Der Stausee wurde zusammen mit seinem 690MW-Kraftwerk eigens für die Aluminiumschmelze in Reyðarfjörður gebaut. Von dem umstrittenen 1,7 Milliarden Euro-Projekt sehen wir leider nur die erste der drei Staumauern, da ab hier schon das Sperrgebiet des Vulkanausbruchs beginnt. Zudem peitscht ein irrsinniger Wind das Wasser bis über die Staumauer, dagegen anzulaufen ist nichts für meinen Fuß. Stattdessen nehmen wir lieber in der Nähe des Stausees noch die letzte heiße Quelle auf unserer Reise mit, den schönen Naturpool Laugarfell.

Unser nächster Weg führt uns in die oben erwähnte Aluminiumschmelze, denn ich habe nach einigen Telefonaten und E-Mails eine Werksführung für uns beide ergattert. Das Werk ist eines der modernsten der amerikanischen Alcoa-Gruppe und gleichzeitig eine von drei Aluminiumschmelzen in Island. Warum in einem Land ein Veredelungsprozess stattfindet, das weder die entsprechenden Rohstoffvorkommen noch eine verarbeitende (z.B. Automobil-)Industrie besitzt, ist schnell beantwortet: Die Aluminiumherstellung ist eine der energieaufwändigsten der gesamten Metallindustrie. In Island kostet die Kilowattstunde nur ca. 10 Cent und nebenher wird diese auch noch aus regenerativen Ressourcen gewonnen. Zusammengefasst kann Alcoa damit einen äußerst wettbewerbsfähigen Marktpreis anbieten und sich gleichzeitig den super Slogan der umweltfreundlichen Produktion auf die Fahne schreiben. Nach einer absolut professionellen Sicherheitsunterweisung und der kompletten persönlichen Schutz-Ausstattung mit Helm, Schutzbrille, Gehörschutz, Handschuhen, Overall und Sicherheitsschuhen kann es losgehen. Unser Guide Hilmar nimmt sich sehr viel Zeit für die Besichtigung. Wir sind gut zwei Stunden in dem großen Industriekomplex unterwegs und erfahren eine ganze Menge interessanter Details über den Schmelzprozess, die Funktion und den Aufbau der Anlagen und den Guss von Aluminiumrohware. Zur Freude meines lädierten Fußes legen wir die großen Strecken zwischen den Hallen im Auto zurück. Leider ist das Fotografieren im gesamten Gelände nicht erlaubt. Alcoa und der isländische Energieversorger, der das Staudammprojekt realisiert hat und damit 57km² unberührte Natur unter Wasser gesetzt und kilometerlange Hochspannungstrassen durch die Landschaft gezogen hat, haben dafür harsche Kritik einstecken müssen. Mittlerweile sind jedoch in einer strukturell immer schwächer werdenden Region bis zu 900 direkte Arbeitsplätze geschaffen worden und jeder Isländer, der bei Alcoa arbeitet, scheint darauf sehr stolz zu sein. Und unter uns gesagt – die geschotterten „Staff only / Nur für Mitarbeiter“- Stromleitungspisten sind super in Schuss und eine klasse Alternativroute für uns mit tollem Ausblick in die Fjorde 😉

Nachdem wir noch ein paar wunderschöne Herbsttage in gelb-orangener Heidelandschaft und nachts überwältigende Polarlichter genossen haben, fängt es an zu schneien. Mit jedem Tag sinkt die Schneefallgrenze weiter ab. Dazu kommen nochmal orkanartige Stürme, die uns im LKW schon einen Vorgeschmack auf die Fährfahrt geben. Bei bis zu 30m/s schaukelt es uns so richtig durch.

Es ist an der Zeit, sich im Hafen einzufinden, denn unsere Fähre legt morgen ab. Mit leichter Wehmut im Blick erklimmen wir den letzten Pass um uns dann wieder am Ausgangspunkt unseres Islandaufenthaltes einzufinden – in Seyðisfjörður. Bless Bless Island, vielleicht auf Wiedersehen!

Der Vulkan brodelt vor sich hin

Graph showing earthquake timing and magnitude

 

Die Meldungen der letzen zwei Wochen können wir für euch wie folgt zusammenfassen: Der erwartete Gletscherlauf ist noch ausgeblieben, die Wissenschaftler sind sich allerdings einig, dass es eine Eruption des Barðarbunga unter dem Eis gegeben hat. Nach aktuellen GPS-Messungen hat sich die Gletscherkappe über der Caldera um mittlerweile fast 25m abgesenkt. Diese Menge an geschmolzenem Eis entspricht in etwa der bis dato ausgetretenen Lava der vier neuen Krater im Holuhraun-Lavafeld. Es sind bereits 38km² Fläche mit neuer Lava bedeckt. Inzwischen spuckt zwar nur noch ein Krater, dafür aber mit bis zu 120m hohen Lavafontainen. Ein akutes Problem besteht derzeit in den schwefeldioxidhaltigen Gasen, die ebenfalls austreten. Je nach Windrichtung gibt es ständig neue Warnungen an die Bevölkerung, Fenster und Türen möglichst geschlossen zu halten. Von Bekannten haben wir erfahren, dass in einigen Tälern der äußerst unangenehme schwefelige Dunst regelrecht festhing.

Erdbeben gibt es immernoch, allerdings deutlich weniger. Dafür aber durchweg recht starke Beben – bis 5.5 auf der Richter-Skala. Von den Erdbeben merken wir nachwievor nichts, manchmal sieht man am Nachthimmel aber den hellen orangenen Schein der sprühenden Lava. Die Gegend um die Ausbruchstelle ist noch weiträumig gesperrt, wir werden wohl keine Chance mehr haben, in die Nähe zu gelangen, die einzige Möglichkeit wäre ein sündhaft teurer Hubschrauberflug. Nachfrage bestimmt eben das Angebot – und den Preis 😉

Der Süden

 

 

Islands Südküste zeichnet sich durch weite vulkanische Schwemmsandebenen, milchig trübe verzweigte Gletscherflussdeltas, lange schwarze Sandstrände und die Nähe zu den großen Gletschern aus.

Wir tauchen vom Pass Hellisheiði kommend in diese ebene Landschaft ein. Da es schon dunkel ist, als wir die Passhöhe erreichen, blicken wir auf die strahlend hell erleuchtete Gewächshausansammlung der „Gartenstadt“ Hveragerði. Die Ortschaft ist der Gemüse- und Blumenlieferant Nummer eins in Island. Hier liegt ein weiteres Hochtemperaturgebiet, welches bereits seit 1929 Experimente mit geothermischen geheizten Gewächshäusern möglich machte. Die hier ansässige Fachhochschule für Gartenbau beschäftigt sich unter anderem intensiv mit der optimalen Beleuchtung der Pflanzen während des dunklen Winterhalbjahres.

Anfänglich führt uns die Ringstraße durch (für isländische Verhältnisse) dicht besiedeltes Gebiet. Zwischen den vielen Bauernhöfen liegt das Weideland für die meisten Rinder und Pferde, die es auf der Insel gibt. Aufgrund der wenigen Brücken über die großen Flüsse gibt es leider auch nur wenige Alternativstraßen. Nach einem Abstecher ins Landesinnere zu den sehenswerten Wasserfällen Haifoss und Hjalparfoss geht es wieder zurück auf die Ringstraße. Wir fahren bei schönem Wetter an den breiten Lavastrand Landeyjasandur, wo wir bei Blick auf die Westmänner-Inseln ausgedehnte Spaziergänge machen und unsere ersten Nordlichter in die Kamera gebannt bekommen. Wir haben zwar mittlerweile sicher über 1.000 große und kleine Wasserfälle gesehen, der Seljalandsfoss begeistert uns dennoch. Gegen Abend, wenn die Touristenmengen von der Bildfläche verschwunden sind, herrscht dort die schönste (Fotografier-)Stimmung. Man kann hinter dem Wasserfall entlang laufen und wunderschöne Bilder schießen, wenn man a) sich und seine Kamera wasserfest eingepackt hat und b) das unfassbare Glück von Sonnenschein hat. Wir hatten beides und stehen danach trotzdem tropfnass aber zufrieden wieder am LKW.

Den nächsten längeren Aufenthalt legen wir in Vik ein. Das kleine Dorf liegt direkt an einem breiten Strand und hat in seiner Umgebung eine interessante Basaltformation und markante Felszinnen im Meer zu bieten, welche nach dem überlieferten Glauben der Isländer versteinerte Trolle sein sollen. Weite Teile der Strände sind mit Gräsern und Lupinen besäht worden um der Erosion Einhalt zu bieten.

An den Gletscherzungen Solheimajökull und Svinafellsjökull bekommen wir das Eis aus nächster Nähe zu sehen. So nah wie an der Südküste sind wir im Hochland selten an die Gletscher herangekommen, mangels befestigter Pisten im Treibsand der Moränengebiete. Nachdem wir die beiden kilometerweiten Sandebenen Myrdalssandur und Skeiðararsandur durchquert haben, durch die sich die Gletscherabläufe wie Adern ziehen, erreichen wir den Jökulsarlon. Diese beeindruckende Gletscherlagune war schon Drehort für den 007-Film „Die Another Day“ und „Lara Croft – Tomb Raider“. Im Gegensatz zu den vielen anderen Seen dieser Art, treffen wir hier auf tief blaues Wasser, in dem die riesigen weiß, blau, schwarzen Eisberge treiben, die der Gletscher gekalbt hat. Eine wirklich grandiose Stimmung erleben wir hier am nächsten Morgen, als wir im Sonnenaufgang die Eisbrocken fotografieren, die es an den schwarzen Strand gespült hat, und im Hintergrund Islands höchster Berg am klaren Himmel aufragt – der mit einer Eiskappe bedeckte 2.110m hohe Hvannadalshnukur. Wir verbringen hier zwei Tage, lauschen dem ständigen Knacken des Eises, beobachten die Robben und Raubmöwen auf ihrer Nahrungssuche und schauen den Amphibien-Fahrzeugen zu, die zwischen den Eisbergen umherfahren. Dann staunen wir nicht schlecht, als wir sehen, wie die Flut die Eisbrocken vom Strand wieder zurück in die Lagune treibt und der Strand plötzlich leer ist. Kurzum: Wir sind fasziniert!

So langsam neigt sich unsere Auszeit in Island dem Ende entgegen. In den verbleibenden knapp drei Wochen werden wir den Kreis um die Insel schließen und uns den fehlenden Teil der Ostfjorde noch anschauen. Bevor dann am 8. Oktober die Fähre wieder gen europäisches Festland ablegt, werden wir euch selbstverständlich auch noch vom Rest unserer Reise berichten. Bis dahin!

Reykjavik und die Halbinsel Reykjanes

 

Wir haben uns inzwischen auf den Weg Richtung Landeshauptstadt gemacht, legen aber in Akranes noch einen Zwischenaufenthalt ein. Zum einen zum Schutz, weil  eine sehr stürmische Wetterlage angekündigt ist, und zum anderen, weil wieder einmal Wäschewaschen auf dem Programm steht. Akranes ist eine von Fischindustrie und Zementherstellung geprägte Stadt, wir finden nichts wirklich Sehenswertes vor, außer einer Besteigung des großen Leuchtturms, von dem aus man eine gute Aussicht bis nach Reykjavik hat. Nachdem auch die vierte Waschmaschinenladung getrocknet ist, steht der „Eroberung“ der Hauptstadt nichts mehr im Wege. Wir kommen uns auf den sechsspurigen Highways zwar etwas fehl am Platz vor, aber bis zum einzigen Campingplatz im Stadtgebiet muss es gehen. Dort angekommen holen wir gleich das Quad von der Ladefläche und sind damit in den nächsten Tagen deutlich flinker im Stadtverkehr unterwegs.

Einer unserer ersten Wege führt uns in den Laugavegur, DEM Frauenparadies schlechthin. Unzählige schicke Boutiquen isländischer Designer reihen sich hier aneinander, dazwischen immer wieder Bars, Souvenirshops, Cafés und Restaurants. Nach einem neu erstandenen Paar Schuhen hält das glückliche Strahlen in meinem Gesicht einige Tage an 😉

Die Siedlung in der „rauchenden Bucht“, wie Reykjavik übersetzt heißt, wurde natürlich auch in der Nähe heißer Quellen gegründet. Heute liegt das Tal der Quellen in der Stadtmitte, umgeben von Stadtpark, Freizeitzentrum und Botanischem Garten. Vom heißen Wasser ist hier allerdings nicht mehr viel zu sehen, denn das wird abgepumpt, in großen Reservoirs gespeichert und zur Versorgung der Haushalte verwendet. Das „Perlan“ verbindet einen solchen funktionalen Tankbau mit einer riesigen Spiegelglaskuppel mit Aussichtsplattform und Nobelrestaurant.

In Reykjavik befindet sich der kulturelle Mittelpunkt der Insel. So gibt es seit 2011 das riesige Konzert- und Kongresshaus Harpa direkt am alten Hafen, das nachts ein beeindruckendes Lichtfarbspiel bietet. Die viel fotografierte Hallgrimskirkja, deren Betonkonstruktion Lavabasaltsäulen nachempfunden wurde, ist hingegen Geschmackssache. Wir besuchen das moderne Kunstmuseum und stöbern im Plattenladen des bekannten Reykjaviker Musiklabels „12 Tónar“.

Nach diesen schönen und abwechslungsreichen fünf Tagen in der Hauptstadt zieht es uns weiter. Naja, eigentlich eher Andreas, der fürchtet, ich könnte ihn ein weiteres Mal in die Einkaufszentren schleppen 😉

In den nächsten Tagen fahren wir die Halbinsel Reykjanes ab. Wir gehen über die „Brücke zwischen den Kontinenten“ einmal von Europa nach Amerika und zurück. Das Bauwerk wurde über einen der vielen Risse in der Landschaft gebaut, die die Plattengrenze sichtbar machen.

Ein weiteres Highlight erleben wir an einem der folgenden Tage: Aufgrund des miserablen Wetters besuchen wir den wohl populärsten Badeort der Insel: die „Blaue Lagune“. Dieses stylische Wellnessparadies mit milchig blauem Wasser befindet sich inmitten einer schroffen schwarzen Lavalandschaft. Die Entstehung dieser Lagune mutet etwas bizarr an und würde in Deutschland wahrscheinlich Stirnrunzeln hervorrufen, in Island allerdings gibt es nichts Naheliegenderes: In Sichtweite befindet sich ein Geothermalkraftwerk, das bis zu 240°C heißes Wasser aus seinen Tiefenbohrlöchern fördert. Da in dieser Region das Grundwasser salzhaltig ist, wird es lediglich im Wärmetauscher-Prinzip zur Stromerzeugung genutzt. Anschließend gelangt dieses Wasser quasi als Abwasser in die Lagune. Dass dieses Salzwasser mit einer heilenden Mineralienzusammensetzung aus dem Boden kommt, haben die Menschen dort bereits Anfang der 80er Jahre herausgefunden. In den 90er Jahren wurde dann die erste Badeanstalt gebaut und 2005 eine Klinik eröffnet, die sich auf die Behandlung von Hautkrankheiten spezialisiert hat. Für einen gepfefferten Eintrittspreis kann man sich den ganzen Tag dort aufhalten und sich beliebig oft gegenseitig mit Silizium-Schlamm einschmieren 🙂 Uns hat es auf jeden Fall gefallen!

Der nächste Ort, den wir auf der Halbinsel besuchen, ist Grindavik. Hier halten wir uns ein paar Tage auf, gehen recht erfolgreich angeln und besuchen die interessante Ausstellung zur Tektonik und Erd-Energienutzung Islands. Mit diesem Wissen nehmen wir an einer Führung durch das derzeit modernste Geothermalkraftwerk der Insel teil, dem 300-MegaWatt-Werk Hellisheiðavirkjun. Neben der modernen Technik u.a. aus Deutschland und Japan überrascht uns vor allem das Nutzungskonzept des isländischen Energie-Know-hows: Die Universität Reykjavik hat zusammen mit den Stadtwerken ein Aufbaustudium für Ingenieure und Wissenschaftler aus aller Welt entwickelt. Dieses Programm bietet Ländern mit Zugang zu Erdwärme, wie z.B. Costa Rica, El Salvador, Kenia, Dschibuti, Nicaragua und Indonesien die Weiterbildung in nachhaltiger Energiewirtschaft an. Denn bis jetzt werden lediglich 2% des weltweiten Geothermiepotentials genutzt. Als wir Costa Rica lesen, erinnern wir uns an die heißen Quellen auf unserer Reise von 2011. An derart tolle berufliche Möglichkeiten haben wir bei unserer Studiengangwahl nicht gedacht, schade eigentlich 😉

Die Halbinsel Snæfellsnes

 

Nach der besonders im Hinblick auf das Wetter wunderschönen Woche in den Westfjorden befahren wir die Halbinsel Snæfellsnes. Unseren ersten Halt legen wir in der schönen Hafenstadt Stykkisholmur ein. Hier gibt es sehr viele restaurierte Häuser aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, was dem lebhaften Städtchen ein besonderes Flair verschafft. In einem gemütlichen Kaffihus (Kaffeehaus) schauen wir dem bunten Treiben eine Weile zu.

Das Wetter hat sich mittlerweile wieder ganz islandtypisch eine 180°-Drehung erlaubt: Es schüttet wie aus Eimern, der Himmel zeigt sich in einem bedrohlich dunklen Blaugrau – wenn man ihn denn sieht. Denn bei Windstärken bis zu 20m/s in Verbindung mit Starkregen neigt man zu nach unten gerichtetem Blick 😉 Wir bevorzugen den Aufenthalt im Lkw und kommen im weiteren Vorlauf recht zügig bis nach Olafsvik, der nächsten größeren Ortschaft. Michael hat uns seine Angel überlassen, wir können jetzt also zu Zweit auf die „Jagd“  gehen. Das machen wir gleich bei Ankunft im Hafen und fangen zwei stattliche Seelachse.

Wir besuchen den westlichsten Zipfel der Halbinsel – Öndverðarnes, steigen in die Lavahöhle Vatnshellir ab und genießen ein paar schöne regenfreie Stunden am Lava-Strand von Dritvik. Die vergletscherte Spitze des 1.446m hohen Snæfellsjökull haben wir auch am vierten Tag noch nicht zu Gesicht bekommen, denn selbst wenn es an der Küste aufklart, bleibt der Koloss in den Wolken. Der gleichmäßig geformte Gletschervulkan, dessen solitäre Lage ihn schon allein so besonders macht,  diente vielen Literaten als Grundstoff. Den wohl bekanntesten Auftritt verschaffte ihm Jules Verne in seiner „Reise zum Mittelpunkt der Erde“, die im 200m tiefen (allerdings mit Gletschereis gefüllten) Gipfelkrater ihren Anfang nahm.

Wir machen im weiteren Verlauf noch einen Abstecher an die Rauðamelsölkelda, einer kalten Mineralquelle. Hier sprudelt mitten in der Vulkanlandschaft natürlich mit Kohlensäure versetztes eisenhaltiges Wasser aus der Erde.  Schmeckt nicht schlecht, stilles Wasser bleibt uns aber dennoch das bevorzugte 😉

Ausklingen lassen wir den Besuch der Halbinsel noch mit einer kleinen Wanderung zum 50m hohen Ringwallkrater Eldborg. Ganz nah an der Küste ragt der Krater mit einem Durchmesser von 200m aus dem durch ihn entstandenen Lavafeld heraus – dem Eldborgarhraun. Es hat inzwischen wieder einen Wetterumschwung gegeben, die Sonne scheint und wir sehen zum Abschluss dann doch den Gipfel des Snæfellsjökull nochmal von weitem.

Erste kleine Eruption

 

Die Erdbeben rund um den Vatnajökull halten an, zum Teil mit Magnitude 5 und mehr. Auf der Karte der Isländischen Behörden konnte man zwischenzeitlich anhand der vielen kleinen Erdbebenpunkte sehr gut den Plattenverlauf sehen. Aktuell wandert die Lava unterirdisch nach Norden in Richtung Vulkan Askja, was dort ebenfalls zu erhöhter Erdbebenaktivität und der Warnstufe Gelb führt. Die Magmaspalte soll inzwischen über 40km lang sein. Die Warnstufe Rot am Vulkan Barðarbunga wurde auf Orange zurückgesetzt, obwohl heute Morgen 5km nördlich der Gletscherzunge Dyngjujökull austretende Lava gesichtet wurde. Ob die starke Tourismuslobby für diese Abstufung verantwortlich zeichnet, wird uns wohl keiner beantworten…

Westfjorde

 

Die Ostküste der Westfjorde ist ehrlich gesagt recht unspektakulär. Wir halten uns zwei stürmische Tage im kleinen Fischerort Drangsnes auf, der für seine Bewohner und Gäste drei kleine Hot-Tubs direkt am Meer gebaut hat. Darin lässt es sich auch bei Nieselregen gut aushalten, während Andreas in Sichtweite auf der Hafenmole das Abendessen besorgt – lecker Seelachs.

Dann queren wir auch schon den nördlichsten und unbewohnten „Finger“ der Westfjorde und finden uns im Isafjarðardjup wieder, der großen Bucht, von der aus die vielen einzelnen Fjorde abzweigen. Doch bevor wir uns an das schier endlose Zick-Zack-Fahren machen, erkunden wir den Fuß des Gletschers Drangnajökull, dem einzigen Gletscher im Norden Islands. Im fast vollständig versandeten Fjord Kaldalon ist ausgezeichnet die Endmoräne des Gletschers aus seiner letzten Eiszeit auszumachen. Wir spazieren ein Stück über diese Kieshügel um uns dann doch dem eisigen Gletscherfallwind geschlagen zu geben. Die Belohnung folgt am  Abend mit einem Bad in der versteckten Naturquelle Nauteyrarlaug.

Die sieben Fjorde des Isafjarðardjups sind landschaftlich sehr beeindruckend, wobei man tatsächlich am Vormittag schon sehen kann, wo man am Nachmittag sein wird. Bei Sonnenschein und verhältnismäßig warmen Temperaturen staunen wir über die teilweise mehr als 600m hohen Bergkämme, die sich zwischen den Fjorden auftun. Wir sichten sowohl einen Wal von der Straße aus als auch unzählige Robben, die sich auf den vorgelagerten Felsen tummeln und im Wasser Sprünge vollführen. Wir besuchen das Arctic Fox Center in Suðavik und erreichen dann im siebten Fjord die Hauptstadt der Westfjord-Region – Isafjörður. Hier holen wir meinen Bruder vom Flugplatz ab, der uns jetzt während seiner Sommerferien eine Woche lang begleiten wird. Nach einem kurzen Aufenthalt in Bolungarvik setzen wir unsere Reise Richtung Süden fort. Kurz hinter Isafjörður gibt es ein kleines Meisterwerk der Isländischen Straßenbauer – einen Tunnel mit drei Ausgängen und einer Kreuzung in der Mitte, durch den die Ortschaften dreier Fjorde miteinander verbunden werden. Nicht, dass wir das nicht zu schätzen wüssten, aber wir möchten der schönen Aussicht wegen lieber die alte Passstraße fahren. Dieses Bedürfnis finden Isländer aber wahrscheinlich mehr als kurios, denn dieser Weg wird nicht mehr instand gehalten und ist ab der Passhöhe nach einem Erdrutsch nicht mehr befahrbar. Wir kehren allerdings nicht um, ohne zuvor den Blick auf Isafjörður von ganz oben bewundert zu haben. Die Alternativstrecke, die wir dann wählen, ist zwar auch nicht mehr in Schuss, aber immerhin passierbar.

Weiter geht’s in das Dorf Þingeyri, an dem ein alter Thing-Platz vermutet wird. Die zwei Jungs angeln wieder im Hafen, diesmal eine Makrele und einen Kabeljau, dann setzen wir die Fahrt fort. Im nächsten Fjord, dem Arnarfjörður, wartet der breite Wasserfall Dynjandi auf uns – der Donnernde. Der Fall stürzt fächerförmig etwa 100m in die Tiefe und ist am unteren Ende 60m breit. Im weiteren Verlauf folgen noch fünf kleinere Fälle, die zusammen mit dem Dynjandi ein wirklich beeindruckendes Spektakel bieten. Wir können direkt am Wasserfall übernachten und genießen bei einem schönen Sonnenuntergang den frisch gefangen Fisch vom Grill.

Danach führt die Straße wieder einmal steil bergauf. Wir passieren mit zum Teil wunderbaren Ausblicken auf die Fjordlandschaft unter uns die steinige Hochebene Dynjandisheiði. Diese gehört zum Bergplateau Glama, das bis vor 100 Jahren noch vergletschert war. Wieder auf Meereshöhe angekommen, stürzen wir uns in die warmen Fluten eines Badebeckens bzw. in den angestauten heißen Bach daneben. Das Wasser im Bach ist deutlich heißer als 40°C, was uns ganz schön müde macht 😉

Wir haben jetzt den südlichen „Finger“ erreicht und setzen unseren Weg nach einer Übernachtung in Talknafjörður fort bis an den Rauðasandur, einem endlos langen und breiten rot-orange-gelb leuchtenden Strand im äußersten Südwesten. Gut, endlos ist er nicht, aber mit ca. 10km Länge und einer überraschenden Vielfalt an Muscheln ein echter isländischer Traumstrand. Wir können nah am Strand übernachten und haben am nächsten Morgen bei strahlend blauem Himmel sogar das Glück, eine Robbenkolonie im Sand beobachten zu können. Ein wirklich sehr schönes Fleckchen Erde!

In Brjanslækur verabschieden wir meinen Bruder wieder, der mit der Fähre nach Stykkisholmur ablegt, um von dort zurück zum Flughafen Keflavík zu fahren. Wir lassen es uns nochmal im Naturpool Hellulaug direkt am Meer gut gehen, bevor wir Richtung Reykholar aufbrechen. Auf dem Weg dorthin sichten wir endlich die ersten Seeadler. In einer kleinen interessanten Ausstellung über die majestätischen Vögel im White-tailed Eagle Center lernen wir unter anderem, dass diese sich zu 90% von anderen Seevögeln ernähren und nur 10% von Fisch.

Die Westfjorde finden hier ihren Abschluss, in ein paar Tagen wollen wir uns die Halbinsel Snæfellsnes vornehmen.

Warnstufe Rot

 

 

Wie vielleicht einige von euch bereits mitbekommen haben, gibt es derzeit große seismische Aktivität unter dem größten Gletscher Islands, genauer zwischen den beiden Vulkanen Barðarbunga und Kverkfjöll. Vor einer Woche gab es die ersten Anzeichen einer Magmabewegung, seitdem gibt es Erdbeben im Minutentakt – zwischenzeitlich über 50 Stück pro Stunde. Das stärkste Beben hatte bis jetzt eine Magnitude von 4,7. Es wird eine ca. 25km lange Magmaspalte zwischen den beiden Vulkanen vermutet. Nach GPS-Messungen haben sich die Eurasische und die Nordamerikanische Platte in den letzten sieben Tagen um 20cm auseinander bewegt. (Ihr erinnert euch vielleicht an meinen letzten Beitrag – durchschnittlich sind es 2cm im Jahr!)

Heute wurde die Warnstufe „rot“ ausgerufen, die mit der Evakuierung von ca. 400 Menschen im Gebiet des vermuteten Gletscherlaufs einhergegangen ist. Der Gletscherlauf wird in den nächsten Stunden bzw. Tagen erwartet. Die seit heute bestehende Flugverbotszone über dem Gletscher und südlich davon hat bereits die ersten gecancelten Flüge zur Folge.

Wir sitzen derweil in sicherer Entfernung und holen uns regelmäßig Updates auf der Seite der Isländischen Behörden, die ihre Bevölkerung vorbildlich informiert.

Hochland Teil 2

… oder: Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt.

 

Wir begeben uns wieder einmal mit aufgefüllten Reserven aller Art ins Hochland. Unsere Route haben wir so gelegt, dass wir die bereits befahrenen Strecken nicht noch einmal nutzen. Wir beginnen mit einer super Parallelpiste zur Kjölur-Route, die sich durch einige kniffelige Schräglagen und ausgewaschene Abschnitte auszeichnet. Ich darf mittlerweile auch solche Pisten selbst fahren und kann mir von meinem Beifahrer dann Dinge anhören wie „Mir ist langweilig, ich hab‘ ja nicht mal was zu meckern!“ 😉

Unser erstes Ziel auf dieser Hochlandetappe ist das Kerlingarfjöll, einem Gebirgsmassiv, das in seiner Mitte wieder beide Elemente vereint – Feuer und Eis. Es gibt ein sehr weitläufiges Geothermalgebiet und in unmittelbarer Nähe die letzten Reste des Gletschers, der einst das ganze Gebirge bedeckt hat. Bei orkanartigem Wind steigen wir hinab in das angenehm warme Tal, in dem es aus unzähligen Öffnungen zischt und dampft. Nach circa 4km haben wir einen kleinen Teil des riesigen Thermalfeldes erkundet, wärmen unsere Hände nochmal im heißen Wasser und steigen dann zurück nach oben zum Parkplatz, wo uns der eisige Wind wieder empfängt.

Die nächste Etappe soll entlang des nördlichen Randes des Gletschers Hofsjökull führen. Diese Piste gilt als eine der schwierigeren Hochlandpassagen Islands. Doch zuerst muss die Blanda gefurtet werden, ein sehr schnell fließender trüber Schmelzwasserstrom. Wir sinken bereits bei der Einfahrt mit der Vorderachse tief in den gefährlichen Treibsand ein und legen umgehend den Rückwärtsgang ein, zumal rings herum nur große spitze Gesteinsbrocken zu sehen sind. So richtig geheuer ist uns das nicht. Niedergeschlagen treten wir den Rückzug an und müssen einen Umweg von ca. 150km auf zum Teil bereits gefahrenen Pisten in Kauf nehmen, um unsere Tour wie geplant fortsetzen zu können. Das soll weiter östlich am Tungnafellsjökull mit einer Tageswanderung zu einem abgelegenen heißen Fluss zwischen zwei Gletschern geschehen. Wir stehen besonders zeitig auf an diesem Tag, immerhin liegen 20km Wanderung vor uns. Das Außenthermometer zeigt 2°Celsius. Nachdem uns nach kaum mehr als 3km ein eiskalter breiter Schmelzwasserfluss in den Weg gerät, bei dessen Barfuß-Durchwatung ich mir gefühlt alles von den Knien abwärts erfriere, beginnt ein Schneesturm. Und das am 31. Juli! Wir brechen unser Vorhaben abermals völlig frustriert ab, als sich das Tal mit weißen Flocken füllt, und schwören uns, diesen „Sommer“ nicht mehr Wandern zu gehen. Bei eisigem Gegenwind laufen wir die 3km wieder zurück hinauf zum Parkplatz. Aber damit nicht genug. Als wir an der nächsten Kreuzung unseren Weg zur Caldera Askja fortsetzen wollen – das nächste Ziel dieser Hochlandetappe – ist die Straße gesperrt! Wir haben minimalen Handyempfang und werfen deshalb einen Blick auf die Internetseite der Straßenwacht und sehen dort tatsächlich die eingezeichnete Sperrung. Dass mitten im Sommer eine Hochlandstraße wegen Neuschnee und aufgeweichter Pisten gesperrt sein könnte, lag außerhalb unserer Vorstellungskraft. Laut eines Parkrangers hat es diesen Sommer so viel geregnet wie seit 30 Jahren nicht mehr, berichten uns später Sabine und Burkhard von der Pistenkuh. Zum Grad unserer Motivation zu diesem Zeitpunkt brauche ich wohl keine Beschreibungen weiter abzugeben 🙁

Unsere Entscheidung lautet: Raus aus dem Hochland, zurück an die Küste, besseres Wetter ist nicht in Sicht! Wir wagen auf dem Rückweg dann doch die schwierige Piste nördlich des Hofsjökulls, die wir eine knappe Woche vorher wegen des hohen Wasserstandes der Blanda verschmäht hatten – diesmal in anderer Richtung. Die Piste ist auf den neueren Straßenkarten nicht mehr eingezeichnet, da sie nicht mehr instand gehalten wird. Diese Herausforderung wollen wir noch annehmen. Bereits die erste Furt lässt uns das Blut in den Ohren pochen, denn das Wasser drückt durch die starke Strömung bis an die Seitenscheiben des Fahrerhauses. Der Streckenverlauf lässt sich oft nur erahnen, da Markierungspflöcke fehlen. Wenig später müssen wir die ersten schlimmeren Wunden aus dem Hochland einstecken: Eine recht ungefährlich aussehende Wasserrinne entpuppt sich als extrem tief und steil, wir schaben bereits bei der Einfahrt mit der Stoßstange an den Flusssteinen und demolieren uns bei der Ausfahrt die Einstiegsleiter des Containers. Die Leiter lässt sich nicht mehr auseinanderklappen, Andreas zerlegt sie in Einzelteile, klopft und biegt sie stundenlang wieder halbwegs gerade. Am Tag darauf muss auch die neu gekaufte Schaufel zeigen, was sie drauf hat, denn wir stecken an einem Flussufer trotz eingelegter Achssperren fest. Der lehmige Schlamm setzt das Reifenprofil aller vier Räder nach einer Raddrehung vollständig zu. Wir sitzen mit der Hinterachse auf und das Flusswasser dringt in die frisch gewühlten Löcher. Nach fünf Stunden Schaufeln, Graben, Hinterachse anheben, Steineschleppen und -unterbauen sind wir auch dort wieder raus. Zumindest scheint dabei die Sonne. Als wir an der letzten Furt ankommen, der zu Beginn bereits erwähnten Blanda, atmen wir erleichtert auf. Unsere Geduld und Mühe wird durch einen viel geringeren Wasserstand als beim ersten Versuch belohnt. Wir finden eine geeignete Stelle, an der wir zwar eine höhere Fließgeschwindigkeit in Kauf nehmen müssen, dafür aber umso weniger Treibsand, und furten ohne Probleme. Für diese heikle dreitägige Tour belohnen wir uns mit einem ausgiebigen heißen Bad in Hveravellir.

Jetzt trennen uns nur noch ca. 40km unbekannte Piste von der Schotterstraße im Nordwesten, über die wir Anfang Juli zum ersten Mal ins Hochland gelangt sind. Wir erwarten eine mühelose 1,5 Tagesetappe bis zur Ringstraße, da wir von dieser Route noch nichts Negatives gehört haben. Aber das liegt wohl daran, dass sie von Fahrzeugen unserer Gewichtsklasse noch nicht sehr oft befahren wurde. An der schmalen kurvigen Piste durch Lava- und Gesteinsfelder hätte ein Jeepfahrer sicher seine wahre Freude. Wir allerdings kommen nochmal so richtig ins Schwitzen – und an unsere (Fahrzeug-) Grenzen. Die Kurven sind oft zu eng, um sie auszufahren und die Steinbrocken zu groß, um darüber zu fahren. Wir räumen per Hand aus dem Weg, was machbar ist, schaffen uns Steinrampen, um die Reifen zu schonen, und müssen dennoch viel rangieren und manchmal auch eine Alternativkurve über das Geröll suchen. Wir haben abermals Glück, denn die Sonne scheint und die Piste ist halbwegs trocken. Die Spuren in den abgetrockneten Schmelzwasserläufen zeugen noch vom Kampf jener, die sich vor uns an der Strecke versucht haben. Für diese anstrengende Piste brauchen wir letztendlich drei Tage. Aber dann haben wir es geschafft und ein milder sonniger Tag erwartet uns im Küstenort Hvammstangi, von wo aus wir unsere Inselumrundung fortsetzen werden.