Alle Beiträge von andreasundmarika

Lebe deine Träume …

 

In den letzten fünf Monaten haben wir uns einen unserer Träume erfüllt. Wir haben in dieser Zeit eine neue Art zu Reisen kennen- und auch schätzen gelernt, die unser Leben wohl nachhaltig verändert hat. Neben dem Zeitfaktor hat uns vor allem das örtliche Ungebundensein ein bisher nicht gekanntes Gefühl von Freiheit vermittelt. Stehen zu bleiben an Orten, die uns gefallen und so viele Tage zu bleiben, wie es uns gefällt – das gab es vorher noch nie. Wir haben den Luxus, Zeit zu haben, voll ausgekostet. Dabei ist uns keineswegs langweilig geworden: Andreas fand unter anderem Entspannung im Angeln, sogar im strömenden Regen, meist mit Erfolg aber auch so manches Mal ohne. Frisch filetiert und lecker zubereitet fehlte in unserem Gourmet- Expeditionsmobil nur die Spülmaschine von zu Hause. Aber auch dafür hatten wir ja Zeit. Ich habe viel gelesen. Wir haben Chinesisch gelernt und das ein wenig eingerostete Studienwissen wieder aufgefrischt. Neues Wissen z.B. über Islands Energieressourcen kam dazu. Daneben haben wir viel Zeit mit Fotografieren verbracht, in Summe haben wir mehr als 21.000 Fotos geschossen. Dabei hat sich eine gut funktionierende Arbeitsteilung entwickelt: Ich war für die (Weitwinkel-)Landschaftsaufnahmen zuständig, Andreas hat die Kamera mit dem Zoomobjektiv für die Nahaufnahmen für sich beansprucht. Und während ich die meisten Texte für die Website geschrieben habe, hat er sich über Stunden mit dem Bearbeiten und (Aus-)Sortieren der Bilder beschäftigt.

Wir sind gut 10.000km gefahren, haben uns in das eine oder andere „Schlam(m)assel“ geritten und uns sowohl im Schnee als auch am Strand festgefahren, sind aber immer aus eigener Kraft wieder herausgekommen. Selbst gewähltes Leid! Wir haben uns für die „unbekannten“ 4×4 Pisten entscheiden, anstatt auf Asphalt zu bleiben. Aber gerade das macht so ein Abenteuer aus. Man ist stolz, auch schwierige Passagen geschafft zu haben, selbst, wenn Steine im Weg liegen, der Karren im Dreck steckt und einem vom stundenlangen Steineschleppen und Schaufeln alles weh tut. Wie im echten (Arbeits-)Leben, nur etwas extremer und mit dem Unterschied, dass die Steine nicht von Dritten gelegt wurden 😉

Wir haben die viele Zeit miteinander genossen und auch, wenn es etwas pathetisch klingt, wir haben nicht zuletzt ein bisschen mehr zu uns selbst gefunden.

Die Ingenieure der 70er wären stolz auf unsere Emma, sie ist mit uns Abhang rauf, Abhang runter und im bis zu brusthohen Flusswasser durch Dick und Dünn gegangen.  Wenn auch in einigen Fällen ein kleines bisschen zu groß, war die Fahrzeugwahl für Island ideal und unsere 8m² Wohnfläche ein gemütliches Zuhause.

Island hat uns seine Schokoladenseiten genauso gezeigt wie seine kalte Schulter. Wir haben mehr als einmal sprachlos vor einer atemberaubenden Aussicht gestanden und mussten ebenso mehr als einmal unsere Routen und Vorhaben aufgeben bzw. ändern. Fünf Monate Island reichen uns vorerst allerdings aus, wir ziehen zukünftig doch wieder die wärmeren Gefilde dieser Erde für Reisen vor 😉

Und damit sind wir auch schon bei der Zukunft: Wir sind vom „Langreise-Virus“ infiziert und denken in den letzten Wochen immer öfter darüber nach, wie ein beruflich erfolgreiches Leben damit in Einklang gebracht werden kann. Ich hätte es nicht besser formulieren können als unsere Reisebekanntschaft Christian: „Wir haben Träume für mehrere Leben!“

Abreise

 

Letzter Tag auf Island: Die Fähre legt um 20 Uhr ab, wir können also ausschlafen und packen erst nach dem Mittag unsere Bordtasche. Ich nutze die Zeit und schaue mir unseren Oldtimer nochmal von unten an, kontrolliere den Ölstand und schmiere die Antriebswellen ab, auf dem Festland erwarten uns 1.000km Heimweg. Márika verstaut derweil im LKW alles „hochsee-“ sicher. So stürmisch, wie die letzten Tage waren, rechnen wir mit Seegang. Der Seegang ist auch der Hauptgrund, warum wir gar nicht scharf auf die wiederholte Wikingerkreuzfahrt sind. Wir fahren erst kurz vor Ende des Check-In in Richtung Hafen und werden quasi bis aufs Mitteldeck durchgewunken. Obwohl das komplette Unterdeck leer ist, darf ich wieder dicht an dicht neben den anderen Islandreisenden parken. Aussteigen geht nur auf der Beifahrerseite und für Zurrketten ist kein Platz gelassen. Die Mannschaft rechnet also nicht mit Seegang – auch gut! (Getreu der alten Spediteurweisheit: „Das ist so schwer, das rutscht nicht“) Die Fähre legt pünktlich ab und wir schauen ein letztes Mal zurück nach Seyðisfjörður, auf die Mole, an der wir gestern noch drei leckere Makrelen für unser Abendessen gefangen hatten. Unsere Wahl an diesem Abend – Pizza Peperoni – ist die falsche. Kaum sind wir auf dem Atlantik, geht die Schaukelei los und die fettige Pizza trägt ihren Teil zur Übelkeit bei.

Wir sind froh, am nächsten Morgen auf den Färöer-Inseln für ein paar Stunden an Land gehen zu können, denn den Folgetag verbringen wir komplett auf See. Die Norröna wird inzwischen nun doch noch mit Sattelaufliegern voll beladen, bekommt so deutlich mehr Tiefgang und liegt ruhiger im Wasser.  Wir können jetzt zumindest lesen, ohne dass uns dabei schlecht wird.

Nach drei Nächten kommen wir wieder in Hirtshals an. Alles rennt zum Autodeck und runter von der Fähre. Wir sind noch viel zu benommen von den Reisetabletten und haben zudem schlecht geschlafen. Selbst, wenn wir ebenfalls losstürmen und heute noch durch Dänemark „heizen“ würden, morgen ist Sonntag und für unsere Emma in Deutschland Fahrverbot – also kein Grund zur Hektik. Márika möchte den LKW von der Fähre fahren, ich lasse ihr den Spaß und die erstaunten Blicke der Mitreisenden. Wir winken noch ein paar Bekannten, die an uns vorbeifahren, und biegen dann direkt vom Hafen zum Ozeaneum ab – einem riesigen Meeresaquarium. Den Sonntag verbringen wir in Dänemark und schauen uns den Tropischen Zoo in Randers an. Die drei Regenwaldhallen mit Flora und Fauna aus Asien, Afrika und Südamerika sind genau unser Geschmack. Dank tropischer Temperaturen lassen sie uns vollkommen aufgewärmt in Urlaubserinnerungen schwelgen. Deutschland sieht uns erst am Montag zum Berufsverkehr wieder. Für unsere Heimroute wählen wir neben vielen Kilometern Autobahn auch ein schönes kurviges Stück Landstraße durch den herbstlichen Harz.  In Sondershausen besuchen wir meine Oma, bevor wir uns im Anschluss auf die letzte Etappe in Richtung Heimat begeben.

Der Osten

 

Die letzten drei Wochen unserer Reise lassen wir ganz gemütlich ausklingen. Nachdem die langen Strände der Südküste bei Höfn ein Ende nehmen, beginnt ein weiterer landschaftlich schöner Abschnitt. Es wird wieder bergig, gleich die ersten Fjorde werden von 800 bis 1.000 m hohen Bergen eingerahmt. In den großen Nehrungen der Bucht Lonsvik sammeln sich schon hunderte von Singschwänen für den Abflug in ihr Winterquartier. Nachdem wir in einem Seitental einen der seltenen Gerfalken entdecken, versuchen wir, ihm zu Fuß noch etwas näher zu kommen. Dabei knicke ich mir den Knöchel um und wir müssen die Verfolgung abbrechen. Da am folgenden Morgen die Schmerzen nicht nachlassen und jetzt von einer Schwellung begleitet werden, entscheiden wir uns doch dafür, vorsichtshalber einen Arzt aufzusuchen. Dazu müssen wir in den nächsten Ort Djupivogur fahren, wo mir ein grummeliger Doktor für umgerechnet 7,80€ sagt, dass es wohl nicht gebrochen sei, mir einen feinen Verband verpasst und zu guter Letzt noch eine Schmerzmitteldosis aufschreibt, die mich sicher in einen Dornröschenschlaf versetzt hätte. Für die kommenden zwei Wochen werden Wanderungen und Spaziergänge aus dem Programm gestrichen.

Das hält uns allerdings nicht davon ab, noch einen kurzen Abstecher ins „asphaltierte Hochland“ zu unternehmen. Wir besichtigen Islands größten Staudamm, den Halslon oder auch Karahnjukar, zu dem eine super ausgebaute Straße führt. Er wird direkt aus einem Abfluss des Vatnajökull gespeist, was wegen der Gefahr von Gletscherläufen ein besonders aufwendiges Schutzsystem notwendig gemacht hat. Der Stausee wurde zusammen mit seinem 690MW-Kraftwerk eigens für die Aluminiumschmelze in Reyðarfjörður gebaut. Von dem umstrittenen 1,7 Milliarden Euro-Projekt sehen wir leider nur die erste der drei Staumauern, da ab hier schon das Sperrgebiet des Vulkanausbruchs beginnt. Zudem peitscht ein irrsinniger Wind das Wasser bis über die Staumauer, dagegen anzulaufen ist nichts für meinen Fuß. Stattdessen nehmen wir lieber in der Nähe des Stausees noch die letzte heiße Quelle auf unserer Reise mit, den schönen Naturpool Laugarfell.

Unser nächster Weg führt uns in die oben erwähnte Aluminiumschmelze, denn ich habe nach einigen Telefonaten und E-Mails eine Werksführung für uns beide ergattert. Das Werk ist eines der modernsten der amerikanischen Alcoa-Gruppe und gleichzeitig eine von drei Aluminiumschmelzen in Island. Warum in einem Land ein Veredelungsprozess stattfindet, das weder die entsprechenden Rohstoffvorkommen noch eine verarbeitende (z.B. Automobil-)Industrie besitzt, ist schnell beantwortet: Die Aluminiumherstellung ist eine der energieaufwändigsten der gesamten Metallindustrie. In Island kostet die Kilowattstunde nur ca. 10 Cent und nebenher wird diese auch noch aus regenerativen Ressourcen gewonnen. Zusammengefasst kann Alcoa damit einen äußerst wettbewerbsfähigen Marktpreis anbieten und sich gleichzeitig den super Slogan der umweltfreundlichen Produktion auf die Fahne schreiben. Nach einer absolut professionellen Sicherheitsunterweisung und der kompletten persönlichen Schutz-Ausstattung mit Helm, Schutzbrille, Gehörschutz, Handschuhen, Overall und Sicherheitsschuhen kann es losgehen. Unser Guide Hilmar nimmt sich sehr viel Zeit für die Besichtigung. Wir sind gut zwei Stunden in dem großen Industriekomplex unterwegs und erfahren eine ganze Menge interessanter Details über den Schmelzprozess, die Funktion und den Aufbau der Anlagen und den Guss von Aluminiumrohware. Zur Freude meines lädierten Fußes legen wir die großen Strecken zwischen den Hallen im Auto zurück. Leider ist das Fotografieren im gesamten Gelände nicht erlaubt. Alcoa und der isländische Energieversorger, der das Staudammprojekt realisiert hat und damit 57km² unberührte Natur unter Wasser gesetzt und kilometerlange Hochspannungstrassen durch die Landschaft gezogen hat, haben dafür harsche Kritik einstecken müssen. Mittlerweile sind jedoch in einer strukturell immer schwächer werdenden Region bis zu 900 direkte Arbeitsplätze geschaffen worden und jeder Isländer, der bei Alcoa arbeitet, scheint darauf sehr stolz zu sein. Und unter uns gesagt – die geschotterten „Staff only / Nur für Mitarbeiter“- Stromleitungspisten sind super in Schuss und eine klasse Alternativroute für uns mit tollem Ausblick in die Fjorde 😉

Nachdem wir noch ein paar wunderschöne Herbsttage in gelb-orangener Heidelandschaft und nachts überwältigende Polarlichter genossen haben, fängt es an zu schneien. Mit jedem Tag sinkt die Schneefallgrenze weiter ab. Dazu kommen nochmal orkanartige Stürme, die uns im LKW schon einen Vorgeschmack auf die Fährfahrt geben. Bei bis zu 30m/s schaukelt es uns so richtig durch.

Es ist an der Zeit, sich im Hafen einzufinden, denn unsere Fähre legt morgen ab. Mit leichter Wehmut im Blick erklimmen wir den letzten Pass um uns dann wieder am Ausgangspunkt unseres Islandaufenthaltes einzufinden – in Seyðisfjörður. Bless Bless Island, vielleicht auf Wiedersehen!

Der Vulkan brodelt vor sich hin

Graph showing earthquake timing and magnitude

 

Die Meldungen der letzen zwei Wochen können wir für euch wie folgt zusammenfassen: Der erwartete Gletscherlauf ist noch ausgeblieben, die Wissenschaftler sind sich allerdings einig, dass es eine Eruption des Barðarbunga unter dem Eis gegeben hat. Nach aktuellen GPS-Messungen hat sich die Gletscherkappe über der Caldera um mittlerweile fast 25m abgesenkt. Diese Menge an geschmolzenem Eis entspricht in etwa der bis dato ausgetretenen Lava der vier neuen Krater im Holuhraun-Lavafeld. Es sind bereits 38km² Fläche mit neuer Lava bedeckt. Inzwischen spuckt zwar nur noch ein Krater, dafür aber mit bis zu 120m hohen Lavafontainen. Ein akutes Problem besteht derzeit in den schwefeldioxidhaltigen Gasen, die ebenfalls austreten. Je nach Windrichtung gibt es ständig neue Warnungen an die Bevölkerung, Fenster und Türen möglichst geschlossen zu halten. Von Bekannten haben wir erfahren, dass in einigen Tälern der äußerst unangenehme schwefelige Dunst regelrecht festhing.

Erdbeben gibt es immernoch, allerdings deutlich weniger. Dafür aber durchweg recht starke Beben – bis 5.5 auf der Richter-Skala. Von den Erdbeben merken wir nachwievor nichts, manchmal sieht man am Nachthimmel aber den hellen orangenen Schein der sprühenden Lava. Die Gegend um die Ausbruchstelle ist noch weiträumig gesperrt, wir werden wohl keine Chance mehr haben, in die Nähe zu gelangen, die einzige Möglichkeit wäre ein sündhaft teurer Hubschrauberflug. Nachfrage bestimmt eben das Angebot – und den Preis 😉

Der Süden

 

 

Islands Südküste zeichnet sich durch weite vulkanische Schwemmsandebenen, milchig trübe verzweigte Gletscherflussdeltas, lange schwarze Sandstrände und die Nähe zu den großen Gletschern aus.

Wir tauchen vom Pass Hellisheiði kommend in diese ebene Landschaft ein. Da es schon dunkel ist, als wir die Passhöhe erreichen, blicken wir auf die strahlend hell erleuchtete Gewächshausansammlung der „Gartenstadt“ Hveragerði. Die Ortschaft ist der Gemüse- und Blumenlieferant Nummer eins in Island. Hier liegt ein weiteres Hochtemperaturgebiet, welches bereits seit 1929 Experimente mit geothermischen geheizten Gewächshäusern möglich machte. Die hier ansässige Fachhochschule für Gartenbau beschäftigt sich unter anderem intensiv mit der optimalen Beleuchtung der Pflanzen während des dunklen Winterhalbjahres.

Anfänglich führt uns die Ringstraße durch (für isländische Verhältnisse) dicht besiedeltes Gebiet. Zwischen den vielen Bauernhöfen liegt das Weideland für die meisten Rinder und Pferde, die es auf der Insel gibt. Aufgrund der wenigen Brücken über die großen Flüsse gibt es leider auch nur wenige Alternativstraßen. Nach einem Abstecher ins Landesinnere zu den sehenswerten Wasserfällen Haifoss und Hjalparfoss geht es wieder zurück auf die Ringstraße. Wir fahren bei schönem Wetter an den breiten Lavastrand Landeyjasandur, wo wir bei Blick auf die Westmänner-Inseln ausgedehnte Spaziergänge machen und unsere ersten Nordlichter in die Kamera gebannt bekommen. Wir haben zwar mittlerweile sicher über 1.000 große und kleine Wasserfälle gesehen, der Seljalandsfoss begeistert uns dennoch. Gegen Abend, wenn die Touristenmengen von der Bildfläche verschwunden sind, herrscht dort die schönste (Fotografier-)Stimmung. Man kann hinter dem Wasserfall entlang laufen und wunderschöne Bilder schießen, wenn man a) sich und seine Kamera wasserfest eingepackt hat und b) das unfassbare Glück von Sonnenschein hat. Wir hatten beides und stehen danach trotzdem tropfnass aber zufrieden wieder am LKW.

Den nächsten längeren Aufenthalt legen wir in Vik ein. Das kleine Dorf liegt direkt an einem breiten Strand und hat in seiner Umgebung eine interessante Basaltformation und markante Felszinnen im Meer zu bieten, welche nach dem überlieferten Glauben der Isländer versteinerte Trolle sein sollen. Weite Teile der Strände sind mit Gräsern und Lupinen besäht worden um der Erosion Einhalt zu bieten.

An den Gletscherzungen Solheimajökull und Svinafellsjökull bekommen wir das Eis aus nächster Nähe zu sehen. So nah wie an der Südküste sind wir im Hochland selten an die Gletscher herangekommen, mangels befestigter Pisten im Treibsand der Moränengebiete. Nachdem wir die beiden kilometerweiten Sandebenen Myrdalssandur und Skeiðararsandur durchquert haben, durch die sich die Gletscherabläufe wie Adern ziehen, erreichen wir den Jökulsarlon. Diese beeindruckende Gletscherlagune war schon Drehort für den 007-Film „Die Another Day“ und „Lara Croft – Tomb Raider“. Im Gegensatz zu den vielen anderen Seen dieser Art, treffen wir hier auf tief blaues Wasser, in dem die riesigen weiß, blau, schwarzen Eisberge treiben, die der Gletscher gekalbt hat. Eine wirklich grandiose Stimmung erleben wir hier am nächsten Morgen, als wir im Sonnenaufgang die Eisbrocken fotografieren, die es an den schwarzen Strand gespült hat, und im Hintergrund Islands höchster Berg am klaren Himmel aufragt – der mit einer Eiskappe bedeckte 2.110m hohe Hvannadalshnukur. Wir verbringen hier zwei Tage, lauschen dem ständigen Knacken des Eises, beobachten die Robben und Raubmöwen auf ihrer Nahrungssuche und schauen den Amphibien-Fahrzeugen zu, die zwischen den Eisbergen umherfahren. Dann staunen wir nicht schlecht, als wir sehen, wie die Flut die Eisbrocken vom Strand wieder zurück in die Lagune treibt und der Strand plötzlich leer ist. Kurzum: Wir sind fasziniert!

So langsam neigt sich unsere Auszeit in Island dem Ende entgegen. In den verbleibenden knapp drei Wochen werden wir den Kreis um die Insel schließen und uns den fehlenden Teil der Ostfjorde noch anschauen. Bevor dann am 8. Oktober die Fähre wieder gen europäisches Festland ablegt, werden wir euch selbstverständlich auch noch vom Rest unserer Reise berichten. Bis dahin!

Douglas DC3

 

Auf einer so langen Reise trifft man einige vom selben Schlag, „Profiweltenbummler“ bis hin zu Anfängern wie uns. Jeder erzählt vom Erlebten und wir „verfolgen“ uns gegenseitig auf unseren Internetseiten. So ist folgendes Fundstück auch nicht von uns erstöbert, sondern quasi von der Pistenkuh empfohlen.

Eine Douglas DC3 der US Army, in Deutschland besser bekannt als Rosinenbomber, am 21. November 1973 am Strand notgelandet.

THEMA: Islands Strandgut

 

Islands Küstenlinie misst 4970km, neben den steilen Vogelfelsen auch zahlreiche Strände, meist schwarz wie Lavastein und vereinzelt aus bunten Muschelschalen, wie am Rauðasandur. Jedes Stück Land gehört zu einem Hof und so liegt es nicht fern, dass Schafe, Pferde und Kühe bis auf den Strand weiden. Die Tourismusindustrie wirbt mit tollen Strandbildern und wir sehen sogar Surfer in der Brandung. Doch da gibt es noch einen Dritten im Bunde – die Fischer Islands, die sich vor der Küste hart ihr täglich Brot verdienen. Die raue und stürmische See verlangt ihnen einiges ab und nimmt ihnen alles, was sie nicht fest genug gezurrt haben. Kanister, Seile, Netzte, Bojen, Schuhe, Fässer, etc. Alles landet früher oder später wieder am Strand und versandet teilweise zwischen dem Treibholz aus Sibirien. Der „Plastikmüll“ kommt sicher nicht aus Sibirien, denn er trägt europäische Aufschriften. Wenige Landbesitzer pflegen ihre Strände, beräumen das Treibgut und recyceln es z.B. als Vogelscheuchen.

Unansehnliche Fotomotive bieten sich uns deshalb viele. Wir verschonen euch aber damit und präsentieren euch lieber weiter die schönen Seiten Islands. Nur ein Bild soll euch zeigen, wie viele Bojen wir auf ca. einem Quadratkilometer Strand gefunden haben. Es entstand direkt neben dem Fährhafen zu den Westmännerinseln – 34 bunte Kugeln!

Island hat viele kreative Köpfe, die sogar runde Strandkieselsteine* wie kleine Männlein bemalen und zu Hauf verkaufen. Man macht sich also die Mühe, Dinge vom Strand zu lesen. Vielleicht kommt ja eines Tages jemand auf die Idee, die bunten Kugeln mit dem typischen Islandpullovermuster zu umstricken – als Souvenir. Das ganze noch mit einem schicken „Umweltschutz“- Slogan versehen, etwas Publicity in der renommierten Tourismuszeitung Icelandic Times, der Ökotourismus wäre wieder ein Schritt weiter und Islands Strände ein Stück weit sauberer.

*Das Sammeln und Ausführen von Steinen ist übrigens offiziell verboten!

THEMA: Das Réttir – Schafabtrieb in Island

 

Im Frühjahr, wenn der Schnee zu tauen beginnt, die Lämmer geboren sind und jedes seine Ohrmarke bekommen hat, entlassen die Schafbauern ihre Herden in die Freiheit. Dort verbringen sie die Sommermonate, grasen alles ab, was ihnen in den Weg gerät und verteilen sich immer weiter über das Hochland. Viele Zäune haben einen recht desolaten Zustand, aber wirklich wichtig sind auch nur die Grenzen zwischen den einzelnen Weiderecht-Gebieten. Mehrere Familien teilen sich das verbriefte Weiderecht auf ein solches Gebiet, in dem sich die Schafe aller dieser Halter vermischen. Wir fragen uns oft, wie die Tiere aus diesem Niemandsland wieder „nach Hause“ geholt werden.

Im September ist es dann soweit: Der Höhepunkt für viele Isländer – das Réttir! Eine Hundertschaft von gut ausgerüsteten Reitern (in Goretex und Gummianzug genauso wie in Islandpulli und Jeans) stößt zusammen mit Pickups und Traktoren ins Hochland vor. Die lange Karawane ist oft mehrere Tage unterwegs, um bis in die hinterste Ecke des Weidegebietes zu gelangen. Und dann geht die eigentliche Arbeit für Pferde, Reiter und Hunde los. Jeder Berghang wird abgeritten und ein Schaf nach dem anderen ins Tal gescheucht, wo der nicht berittene Teil der Expedition die erste Koppel abgesteckt hat. Und so geht das tagelang weiter. Der längste Ritt, haben wir von einer Isländerin erfahren, dauert neun Tage. Ein Tal nach dem anderen wird auf diese Weise abgeritten, in kniffeligen Situationen auch zu Fuß, denn jedes Schaf zählt!

Wir haben Gelegenheit, die letzten Tage mitzuerleben, in denen zwei Gruppen ihre jeweils mehr als 2.000 „wollenen“ Vierbeiner in Richtung des Sortierpferches treiben. In Island werden dafür keine Straßen gesperrt, die Autos müssen eben stehenbleiben, bis alle vorbei sind. Das kann schon mal ein bis zwei Stunden dauern. Das Nadelöhr sind dabei die rar gesähten Brücken des Landes: Zuerst müssen sich einige Reiter von der Herde lösen und auf der anderen Seite der Brücke Stellung beziehen. Die gar nicht so dummen Schafe sehen jetzt die Gelegenheit gekommen, sich ihrer Freiheitsberaubung durch spontanes Lossprinten zu entziehen, was die Sache für die übrigen Reiter nicht einfacher macht. Kaum haben die ersten Tiere die Engstelle überquert, strömen sie sofort wieder auseinander – eine echte Herausforderung für die zum Teil freiwilligen Helfer, die aus einer Vielzahl von Bewerbern ausgewählt wurden. In ein paar Tagen stößt dann erneut ein Trupp ins Hochland um die Prozedur zu wiederholen, denn beim ersten Durchgang werden nicht alle Schafe gefunden.

Und dann kommt der große Tag, auf den sich alle in Island freuen. Zu diesem Termin nehmen sich die Arbeiter Urlaub, kommen die erwachsenen Kinder aus den Städten und ist Schule Nebensache. Wenn alle Schafe am Rett angekommen sind, geht das Volksfest los. Immer um die 300 Tiere werden in den Innenkreis des Retts hineingedrängt, wo schon mindestens genauso viele Menschen rumstehen. Viele sind aber auch einfach nur zum Erzählen gekommen, alte Bekannte wiedertreffen, stolz die neugeborenen Kinder oder Babybäuche zeigen und vor allem auf das Geschaffte anstoßen. Die jungen Mädchen haben sich geschminkt und die Haare zu Zöpfen geflochten, was in Kombination mit der neonfarbenen Funktionskleidung manchmal recht amüsant aussieht. Die jungen Männer schauen mit vom Alkohol glasigen Augen mal nach Schafen und mal nach den Mädels. Und so wird nebenher ein Schaf nach dem anderen gepackt, zwischen die Beine geklemmt und nach einem Blick auf die Ohrmarke entweder wieder losgelassen oder zum Tor der eigenen Familie geschleift, wo es mit einem kräftigen Tritt in den Hintern in das Separé gekickt wird. Zur Lautstärke brauche ich wohl keine näheren Angaben zu machen. Man stelle sich einfach die vielen nach ihrer Mutter blökenden groß und kräftig gewordenen Lämmer vor und dazu eine Rummelatmosphäre, in der Hunderte zeitgleich zum selben Fahrgeschäft wollen, gemischt mit kehligem die Schafe in das Rett treibendem Geschrei, jeder Menge Flüchen und begeisterten Ausrufen, wenn wieder eins gefunden wurde.

Und nachdem alle Schafe aufgeteilt sind und die Kleinbauern ihre Schafe verladen haben, geht es für die Großbauern in die nächste Runde. Denn die müssen jetzt ihre Tausend Schafe wiederum mithilfe vieler Reiter bis in ihre Ställe treiben. Aber dort weilen sie nur kurz, denn die großen Viehtransporte in die Schlachthöfe folgen zeitnah.

Alle restlichen Schafe harren in ihren Ställen bis zum nächsten April oder Mai aus, wenn die Schneeschmelze eingesetzt hat und es gilt, die saftigen Hochlandwiesen aufs Neue niederzumähen. Denn einer Sache sind wir uns inzwischen sicher: Islands Vegetation wäre ohne Schafe wahrscheinlich um einiges reicher.