Der Osten

 

Die letzten drei Wochen unserer Reise lassen wir ganz gemütlich ausklingen. Nachdem die langen Strände der Südküste bei Höfn ein Ende nehmen, beginnt ein weiterer landschaftlich schöner Abschnitt. Es wird wieder bergig, gleich die ersten Fjorde werden von 800 bis 1.000 m hohen Bergen eingerahmt. In den großen Nehrungen der Bucht Lonsvik sammeln sich schon hunderte von Singschwänen für den Abflug in ihr Winterquartier. Nachdem wir in einem Seitental einen der seltenen Gerfalken entdecken, versuchen wir, ihm zu Fuß noch etwas näher zu kommen. Dabei knicke ich mir den Knöchel um und wir müssen die Verfolgung abbrechen. Da am folgenden Morgen die Schmerzen nicht nachlassen und jetzt von einer Schwellung begleitet werden, entscheiden wir uns doch dafür, vorsichtshalber einen Arzt aufzusuchen. Dazu müssen wir in den nächsten Ort Djupivogur fahren, wo mir ein grummeliger Doktor für umgerechnet 7,80€ sagt, dass es wohl nicht gebrochen sei, mir einen feinen Verband verpasst und zu guter Letzt noch eine Schmerzmitteldosis aufschreibt, die mich sicher in einen Dornröschenschlaf versetzt hätte. Für die kommenden zwei Wochen werden Wanderungen und Spaziergänge aus dem Programm gestrichen.

Das hält uns allerdings nicht davon ab, noch einen kurzen Abstecher ins „asphaltierte Hochland“ zu unternehmen. Wir besichtigen Islands größten Staudamm, den Halslon oder auch Karahnjukar, zu dem eine super ausgebaute Straße führt. Er wird direkt aus einem Abfluss des Vatnajökull gespeist, was wegen der Gefahr von Gletscherläufen ein besonders aufwendiges Schutzsystem notwendig gemacht hat. Der Stausee wurde zusammen mit seinem 690MW-Kraftwerk eigens für die Aluminiumschmelze in Reyðarfjörður gebaut. Von dem umstrittenen 1,7 Milliarden Euro-Projekt sehen wir leider nur die erste der drei Staumauern, da ab hier schon das Sperrgebiet des Vulkanausbruchs beginnt. Zudem peitscht ein irrsinniger Wind das Wasser bis über die Staumauer, dagegen anzulaufen ist nichts für meinen Fuß. Stattdessen nehmen wir lieber in der Nähe des Stausees noch die letzte heiße Quelle auf unserer Reise mit, den schönen Naturpool Laugarfell.

Unser nächster Weg führt uns in die oben erwähnte Aluminiumschmelze, denn ich habe nach einigen Telefonaten und E-Mails eine Werksführung für uns beide ergattert. Das Werk ist eines der modernsten der amerikanischen Alcoa-Gruppe und gleichzeitig eine von drei Aluminiumschmelzen in Island. Warum in einem Land ein Veredelungsprozess stattfindet, das weder die entsprechenden Rohstoffvorkommen noch eine verarbeitende (z.B. Automobil-)Industrie besitzt, ist schnell beantwortet: Die Aluminiumherstellung ist eine der energieaufwändigsten der gesamten Metallindustrie. In Island kostet die Kilowattstunde nur ca. 10 Cent und nebenher wird diese auch noch aus regenerativen Ressourcen gewonnen. Zusammengefasst kann Alcoa damit einen äußerst wettbewerbsfähigen Marktpreis anbieten und sich gleichzeitig den super Slogan der umweltfreundlichen Produktion auf die Fahne schreiben. Nach einer absolut professionellen Sicherheitsunterweisung und der kompletten persönlichen Schutz-Ausstattung mit Helm, Schutzbrille, Gehörschutz, Handschuhen, Overall und Sicherheitsschuhen kann es losgehen. Unser Guide Hilmar nimmt sich sehr viel Zeit für die Besichtigung. Wir sind gut zwei Stunden in dem großen Industriekomplex unterwegs und erfahren eine ganze Menge interessanter Details über den Schmelzprozess, die Funktion und den Aufbau der Anlagen und den Guss von Aluminiumrohware. Zur Freude meines lädierten Fußes legen wir die großen Strecken zwischen den Hallen im Auto zurück. Leider ist das Fotografieren im gesamten Gelände nicht erlaubt. Alcoa und der isländische Energieversorger, der das Staudammprojekt realisiert hat und damit 57km² unberührte Natur unter Wasser gesetzt und kilometerlange Hochspannungstrassen durch die Landschaft gezogen hat, haben dafür harsche Kritik einstecken müssen. Mittlerweile sind jedoch in einer strukturell immer schwächer werdenden Region bis zu 900 direkte Arbeitsplätze geschaffen worden und jeder Isländer, der bei Alcoa arbeitet, scheint darauf sehr stolz zu sein. Und unter uns gesagt – die geschotterten „Staff only / Nur für Mitarbeiter“- Stromleitungspisten sind super in Schuss und eine klasse Alternativroute für uns mit tollem Ausblick in die Fjorde 😉

Nachdem wir noch ein paar wunderschöne Herbsttage in gelb-orangener Heidelandschaft und nachts überwältigende Polarlichter genossen haben, fängt es an zu schneien. Mit jedem Tag sinkt die Schneefallgrenze weiter ab. Dazu kommen nochmal orkanartige Stürme, die uns im LKW schon einen Vorgeschmack auf die Fährfahrt geben. Bei bis zu 30m/s schaukelt es uns so richtig durch.

Es ist an der Zeit, sich im Hafen einzufinden, denn unsere Fähre legt morgen ab. Mit leichter Wehmut im Blick erklimmen wir den letzten Pass um uns dann wieder am Ausgangspunkt unseres Islandaufenthaltes einzufinden – in Seyðisfjörður. Bless Bless Island, vielleicht auf Wiedersehen!

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