Hochland Teil 1

 

Nach der kurzen Unterbrechung aufgrund des im letzten Beitrag bereits angedeuteten Unwetters setzen wir die Strecke um den Gletscher Langjökull herum fort. Auf einer scheinbar nur aus Kurven bestehenden Piste entlang einer Hochspannungstrasse passieren wir das Lavafeld des Schildvulkans Skjaldbreiður. Diese mündet auf die für Hochlandverhältnisse recht viel befahrene Nord-Süd-Verbindung Kjölur, die wiederum nur aus Schlaglöchern zu bestehen scheint. Hier treffen wir zufällig auf Burkhard und Sabine, packen neben der Straße spontan Campingstühle und –tisch aus, plauschen und essen gemeinsam Mittag. Nachdem sich unsere Wege ein kurzes Stück nördlicher wieder trennen, steuern wir unser Etappenziel Hveravellir an – ein heißes Geothermalgebiet mit vielen zischenden Solfataren und schönen blau, grün und türkis schimmernden heißen Quellen. Das dampfende Gebiet sieht man schon von weitem, wodurch die Vorfreude auf ein wohltuendes heißes Bad kontinuierlich wächst. Dort angekommen, wimmelt es nur so von Touristen und wir verschieben das Bad auf die frühen Morgenstunden, wo wir das Ganze dann tatsächlich in relativer Ruhe genießen können.

Die Kjölur-Route ist uns zu überfüllt und wir entscheiden uns für eine Piste östlich  des Stausees Blöndulon.  Der Beginn der Strecke ist äußerst schmal, enge Kurven treffen auf steile Passagen und immer wieder liegen große Steinbrocken im Weg. Unsere rollende Wohnung ist eindeutig zu groß für diese Jeep-Piste, bekommt zum Teil solche Schräglagen, dass wir Angst haben, wir kippen durch den hohen Schwerpunkt des Shelters um. Große Steine müssen wir teilweise überfahren. Dazu kommen noch zwei sehr breite Flüsse, die milchig grau gefärbt sind und dadurch keine Abschätzung der Tiefe zulassen. Der viele Regen der letzten Tage beschert uns dazu auch noch unzählige Schlammlöcher. Aber in der Ruhe liegt die Kraft des MAN, im ersten und zweiten Gang bahnt sich unser 13-Tonnen-„Jeep“ seinen Weg. Für die gerade mal ca. 10km lange Strecke brauchen wir fast zwei Stunden. Wir atmen durch, als wir endlich wieder auf Schotterstraße stehen und werden von hier an mit herrlich grüner Piste entlang blauer Gebirgsseen und -bäche für die Mühen belohnt.

Wir verlassen das Hochland für einen kurzen Tankstop in Varmahlið, an der Ringstraße, füllen neben Diesel auch Lebensmittel und Wasser wieder auf und entschwinden dann dem Trubel der Raststätte noch am selben Tag. Die ersten Hochebenen erklimmen wir erneut entlang eines rauschenden Gebirgsflusses. Die nächsten Tage führen uns an der warmen Quelle Laugafell vorbei über die Sprengisandur, einer weiteren Nord-Süd-Verbindung, wieder in Richtung Süden. Diese Sandebene ist sehr beeindruckend, weit und breit feiner schwarzer Lavasand, der nur an den Flussläufen von leuchtend grünem Moos unterbrochen wird. Der MAN zieht mit 50-60km/h über die langen Geraden. Die Gegend ist wie ausgestorben und wirkt mit den großen grauen Regenwolken schon fast mystisch. (ja, es regnet schon wieder bzw. immer noch)

Einen wunderschönen Übernachtungsplatz finden wir am abgelegenen Wasserfall Fagrifoss, wo wir zufällig auf Christian und Mi treffen. Die beiden haben wir auf der Fähre nach Island schon kennengelernt, sie sind wie die Pistenkuh mit einem selbst ausgebauten Steyr unterwegs. Wir verbringen zwei gesellige Nachmittage zusammen. Zu Fuß durchwaten wir den breiten Flusslauf oberhalb des Wasserfalls und erkunden ein Stück der faszinierenden Schlucht.

Unser Reiseführer verspricht uns im Gebiet der Veiðivötn, übersetzt Angelseen, u.a. Eistaucher und weitere Seevögel. Für einen Abstecher dorthin verlassen wir die Sprengisandur. Die Seen haben sich in den unzähligen Kratern erloschener Vulkane gebildet und sind für ihre enormen Fischvorkommen bekannt. Das ganze sieht äußerst eindrucksvoll aus, zumal an fast jedem See eine Art Strand entstanden ist und die schwarze und dunkelrote Lava an vielen Stellen wieder von leuchtend grünem Moos überwachsen ist. Es regnet zwei Tage durch. Den Eistaucher sehen wir nur von weitem und unsere Angelkarte ist hier leider auch nicht gültig. Des Nachts verirren sich auf mysteriöse Weise trotzdem zwei Forellen in unseren Kühlschrank und am nächsten Tag in meine Pfanne 😉

Steile Passagen und Schräglagen nehmen wir nach gut zwei Wochen im Hochland inzwischen routinierter. Das Furten von Flüssen bereitet uns riesige Freude, das Wasser kann eigentlich nicht tief genug sein. Die geplante weitere Route müssen wir dennoch ändern, als wir an einer Furt stehen, die im Straßenatlas nicht umsonst rot markiert ist, wie wir feststellen müssen. Wir fahren bzw. furten noch auf die erste Schwemmsandinsel, die restlichen ca. 150m breiten reißenden Fluten der Tungnaá überlassen wir dann aber doch den Waghalsigen. Wir erkennen den Ausgang am anderen Flussufer nicht und nicht ohne Grund steht hier ein Gedenkstein für einen unlängst tödlich Verunglückten. Wir nehmen den Umweg in Kauf und kehren um.

Die nächsten Tage führen uns an den farbigen Bergen und bemoosten Flusstälern des Gebirgszuges Landmannalaugar vorbei. Wir unternehmen eine Wanderung in der Vulkanspalte Eldgia und fahren im Anschluss durch die Sandebene Mælifellssandur nördlich des Gletschers Mýrdalsjökull wieder in Richtung Westen. Vorbei am in Europa wohl bekanntesten Gletschervulkan Eyjafiallajökull, der 2010 den Flugverkehr für einige Tage lahm legte, machen wir uns auf den Weg zurück in die Zivilisation. Denn wir erwarten am nächsten Tag meine Eltern, die sich spontan für einen dreitägigen Kurzurlaub angekündigt haben.

THEMA: Superjeeps

 

Ursprünglich wurden diese monströsen Gefährte für den isländischen Rettungsdienst gebaut um Eingeschneite oder Verunglückte direkt und schnell erreichen zu können. Doch auch immer mehr Privatleute und Touristikdienstleister besitzen inzwischen ähnlich schneetaugliche Fahrzeugumbauten. Die isländische Firma Arctic Truck rüstet die Geländewagen um – Karosserie anheben, Kotflügel verbreitern, Getriebe tauschen, Reifen bis zu 44 Zoll montieren und die dazu gehörige Luftdruckregelanlage einbauen, …

Über Schnee und Gletschereis fährt man mit reduziertem Reifenluftdruck von teilweise nur 0,1 bar. Gleðigúmmi sagen die Isländer zu den platten Reifen. Das heißt sinngemäß übersetzt „Freudengummi“, nebenbei bemerkt auch Kondome werden hier so bezeichnet. 😉

Im Sommer ist das Fahren abseits der Hochlandpisten per Gesetz verboten. Im Winter jedoch darf man auf der dicken Schneedecke fahren, wo man will, es bedarf „nur“ der richten Technik und – noch viel wichtiger –  fahrerischen Könnens.

…und nochmal Wasser

 

 

Auch der nächste Abschnitt unserer Reise wird wieder sehr nass und zudem noch schlammig. Nachdem die Wetteraussichten für die Westfjorde von Unwetter- und Erdrutschwarnungen durchzogen sind, beschließen wir, die Inselumrundung zu unterbrechen und für die nächsten zwei bis drei Wochen das Hochland zu erkunden. Zuvor stehen aber noch zwei Dinge auf dem Plan – die Fahrt zum Kaskadenwasserfall Kolufoss und der Kauf einer stabilen Grabschaufel (zusätzlich zu Schneeschaufel und Klappspaten). Das Letztere erscheint uns notwendig, da wir Burkhard und Sabine von der Pistenkuh fast zu Hilfe geeilt wären, da sie sich im Schlamm festgefahren haben. Der erlösende Anruf kommt am nächsten Abend, sie haben es aus eigener Kraft geschafft.

Inzwischen sind auch die meisten Pisten freigegeben, die bei unserer Ankunft im Mai noch gesperrt waren. Zu Beginn einer jeden Hochland-Straße stehen Schilder, die das Befahren derselben nur im allradbetriebenen Geländewagen erlauben sowie nochmals die wichtigsten Verhaltensregeln beinhalten.

Im Hinblick auf die Reisegeschwindigkeit geht es auf dem Teilstück im Nordwesten entlang des Gletschers Langjökull sehr gemütlich zu, die Tachonadel bewegt sich selten über die 30km/h. Die Fahrbahn ist gerade breit genug für unseren MAN, schlammig und hat tiefe Spurrinnen. Unsere erste Flussdurchfahrt absolvieren wir sehr souverän, wenn auch nicht ganz ohne Anspannung. Kurz nach der Furt kommt uns siegessicher ein Mietgeländewägelchen entgegen. Wir fahren an einer geeigneten Stelle rechts ran und Andreas schiebt die Seitenscheibe auf, doch die zwei augenscheinlichen Touristen fahren ohne Dank und ohne Halt weiter. Andreas prophezeit drei Möglichkeiten: 1. Sie sind gleich wieder hinter uns, 2. Sie haben Glück und schaffen es zumindest durch den Fluss und / oder 3. Uns kommt bald ein Superjeep der isländischen Rettungswache entgegen. Wir kennen den Ausgang leider nicht, da wir auf eine Straße zu einer Lavahöhle abgebogen sind.

Weniger gemütlich gestaltet sich das Wetter, es stürmt mit Windspitzen von bis zu 20m/s und regnet immer wieder. Nach zuletzt zwei sehr unruhigen Nächten beschließen wir angesichts der weiterhin stürmischen Vorhersagen für die nächsten Tage, erstmal ein geschütztes Plätzchen aufzusuchen. Das finden wir wieder einige Höhenmeter abwärts in einem Birkenwald bei Husafell, in dem es jede Menge Birkenpilze gibt. Hier machen wir auch einen Abstecher zum wunderschönen Wasserfall Hraunfossar, der eigentlich aus unzähligen kleinen Fällen besteht, die unter einer dicken Lavaschicht an einer Abbruchkante herausschießen.

Von dort aus wollen wir nach überstandenem Sturmtief bis an den Langjökull und anschließend wieder ins Hochland.

Wasser, Wasser …

 

Wir waren bis jetzt in Island schon bedeutend öfter in Schwimm- oder Freibädern, als wir es sonst in Deutschland in einem ganzen Jahr schaffen. Dank Erdwärme ist so viel heißes Wasser vorhanden, dass damit neben den Bädern auch ganze Ortschaften versorgt werden können. Es stört in Island auch keinen, dass mit dem heißen Wasser zusammen auch Schwefelgeruch aus dem Wasserhahn kommt. Das warme Nass hat in Islands Schwimmbecken nie weniger als 30°C, daneben gibt es dann die Hotpots, in denen bei 36-41°C ein wahres Wohlbehagen aufkommt. Leider ist das Wasser in den Bädern aber lediglich über Wärmetauscher erhitztes Chlorwasser. Wir machen uns daher intensiver auf die Suche nach Naturbädern, quasi „echten“ heißen Quellen. Eine solche Oase haben wir in einer recht abgelegenen Stelle im Skagafjörður gefunden – das Grettislaug auf Reykir. Das aus dem Boden sprudelnde heiße mineralienhaltige Wasser wurde vom Bauern des verlassenen Hofes lediglich in einem mit Steinen ausgekleideten Becken gesammelt. Die Temperatur wird durch einen Kaltwasserschlauch geregelt. Hier haben wir direkt neben der Quelle übernachtet und konnten so am späten Abend richtig entspannen, als die Tagestouristen durch waren – ganz ohne Schwefelgeruch übrigens.

Ganz im Zeichen des Wassers stand auch unser kleiner Super-Gau. Wir hatten mal wieder am Waschplatz einer Tankstelle das Frischwasser in unseren Tanks aufgefüllt und haben es anscheinend etwas zu gut gemeint mit dem Füllstand. Als wir ein paar Kilometer später im Hafen neben dem Supermarkt anhalten und dann mit unseren Einkäufen in der Hand die Sheltertür öffnen, steht das Wasser im Gang! Der lautstarke Disput, den wir gerade noch darüber geführt haben, wo wir die kommende Nacht verbringen, ist vergessen. Wir verbringen den Rest des Tages damit, alles wieder trocken zu legen, die Staukästen auszuräumen, Verkleidungen abzuschrauben und das Leck zu suchen. Andreas dichtet die vermutete Schwachstelle am Einlaufstutzen ab. Das alles mitten auf dem belebten Gelände zwischen Hafen, Supermarkt und Touristeninformation, wo ständig Touristen vorbei kommen und fotografieren und die grundlegend neugierigen Isländer bis spät in den Abend mehrfach gaaaanz langsam im Auto an uns vorbeifahren. Sicherlich ist der Wäscheständer mit den nassen Tüchern auf der Hafenmole jetzt auf einigen Urlaubsbildern auch mit drauf. Die Nacht verbringen wir da, wo wir stehen. Wir brauchen noch weitere zwei Tage, um die restliche Feuchtigkeit auch aus der letzten Ecke rauszubekommen, die Heizung läuft auf Hochtouren, aber jetzt sind die Tanks zum Glück dicht!

Eine schöne Tour haben wir im Anschluss an den Besuch im Robbenzentrum in Hvammstangi über die kleine Halbinsel Vatnsnes gedreht. Hier sind an verschiedenen Stellen Robbenkolonien heimisch, die sich auf Sandbänken oder vorgelagerten Felsen aufhalten und die man vom Ufer aus sehr schön beobachten kann. Wir sind in den folgenden zwei Tagen sowohl auf Seehunde als auch auf Kegelrobben gestoßen, die zum Teil nebeneinander liegen und in ihrer Entspannung den Eindruck erwecken, sie würden nicht mehr unter den Lebenden weilen. Aber auch unter den Robben gibt es die Stimmungsmacher, die Ihre Flossen kräftig aufs Wasser schlagen und die anderen vollspritzen, die Übermütigen, die wie ein Delphin aus dem Wasser springen und die Neugierigen, die sich uns bis auf wenige Meter nähern und begutachten.

Fahrzeugmuseum Ystafell

 

Ein Beitrag für die Kraftfahrer in der Gemeinde. Auf Ystafell befindet sich das älteste Automuseum Islands. „Wirf nie etwas weg, denn morgen brauchst du es sicher!“ Soll der Gründer Ingólfur immer gesagt haben. So sieht es auf dem Gelände der ehemaligen Werkstatt auch aus. Diese Sammlerleidenschaft machte wohl die Existenz des Museum erst möglich. Inzwischen wurden neben den Werkstattgebäuden und Scheunen zwei große Besucherhallen errichtet. Die Exponate stehen dicht an dicht, man könnte nicht mal die Türen öffnen. Als Fahrzeughistorie wird lediglich auf die vielen Vorbesitzer und den Einsatzzweck verwiesen. So sind zum Beispiel Militärgeräte aus dem Zweiten Weltkrieg zu sehen, die später von Bauern zum Lavaräumen benutzt wurden und sogar als schneetauglicher Schulbus dienten.

Unser Eindruck von den privaten Schrottplätzen spiegelt sich auch hier wieder. Die Fahrzeuge wurden rund um Island von Privatleuten aufgelesen oder hier abgegeben. Die schönsten und besterhaltenen Ausstellungsstücke haben es in die zwei Hallen geschafft, einen regionalgeschichtlichen Bezug à la HORCH, SACHSENRING oder IFA gibt es nicht. Überall liegen original verpackte Ersatzteile, Embleme, Bedienungsanleitungen, Werbeutensilien, Werkzeuge etc. in den Regalen, auf den Ladeflächen und in den Fahrzeugen kreuz und quer. Unzählige teilrestaurierte Kraftfahrzeuge stehen noch in den Werkstätten und Scheunen. Was nicht (mehr) in die Hallen gepasst hat, parkt vor dem Museum und was nicht mehr zu restaurieren lohnt, hat seine ewige Ruhestätte auf dem (Schrott-)Platz hinter dem Museum gefunden. „Passt auf, wo ihr hintretet“ gibt uns der Museumsbesitzer zu verstehen, als wir uns auf machen, auch diesen noch zu erkunden. Nach einem kleinen technischen Plausch an unserem Oldtimer dürfen wir sogar auf dem Besucherparkplatz übernachten.

Zum Abschied am nächsten Morgen gibt er uns noch einen Tipp für ein weiteres Fahrzeugmuseum in Stóragerdi. Na dann dürfen wir gespannt sein.